Schlechte Ideen zu weit gedacht (II): “Citizen Cop”-App

Die Luxemburger Polizei geht mit der Zeit: Am Montag wurde eine Polizei-App für das iPhone vorgestellt, eine Version für Android soll folgen (werde ich dann gerne testen). Besonders interessant finde ich nicht nur die Funktion, mit der sich Nutzer via GPS vor der “nächstliegenden Polizeieinheit” warnen lassen können, sondern auch die “Citizen Cop”-Anwendung, “durch welche der Benutzer die Möglichkeit hat die Polizei, mittels Text und Bild, über unsischere und gefährliche Situationen und Orte zu informieren”.

Diese Petzfunktion ist ein guter Anfang, aber noch ausbaufähig. Andere Länder zeigen, was möglich wäre: In Taipei (Taiwan) kann man angeblich davon Leben, Müllsünder im Straßenverkehr der zuständigen Behörde zu melden. Wird aufgrund der Beweisfotos eine Strafe erhoben, erhält der “Citizen Cop” davon 25%. Diese Regelung gibt es schon einige Jahre und mittlerweile sehen die Straßen in Paris oder Berlin versiffter aus als in Taipei.

Die Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos: Eine aus dem Autofenster geworfene McDrive-Tüte? Dank App sofort gemeldet! Der Nachbarhund scheißt wieder auf den Bürgersteig? Einfach kurz fotografieren und das NFC-Tag des Hundes auslesen (wird sicher mit dem iPhone 6 oder 7 möglich sein). Über Raser und Falschparker würde man sich mit der passenden “Traffic-Cop”-Anwendung nicht mehr aufregen, sondern freuen. Anders als bei bereits existierenden “Geld verdienen mit dem Smartphone”-Apps wie Appjobber und Streetwalkrspotr gäbe es dank des rücksichtslosen Verhaltens der Mitbürger und immer neuer Gesetze auch keinen Mangel an Verdienstmöglichkeiten.

Eine schöne neue Welt, die so in der EU nicht zur Realität werden wird. Anders als in Taiwan gibt es in Luxemburg nämlich zahlreiche finanziell bestens abgesicherte Rentner und Arbeitslose, welche die Überwachungsaufgaben auch kostenlos übernehmen könnten. Franzosen lassen sich bekannterweise ungerne filmen. In Deutschland wäre der “Citizen Cop” ohnehin völlig undenkbar, wegen Hitler, des Datenschutzes (die Hundefotos könnten ja auf einem Server in den USA landen) und natürlich vor allem wegen der Sozialversicherungspflicht (scheinselbständiger Polizist, das wird teuer).

Schlechte Ideen zu weit gedacht (I): Social Inkasso

Das Geschrei war laut und wirkungsvoll: Das Hasso-Plattner-Institut möchte nicht weiter für die Schufa an der Informationsgewinnung aus sozialen Netzwerken forschen. Tipps für ein Schufa-optimiertes Facebook-Profil sind damit (vorerst) überflüssig, doch warum sollte man eigentlich beim Scoring aufhören?

Soziale Netzwerke wie Facebook würden sich bestens für etwas eignen, was ich “Social Inkasso” taufen möchte: Ein kleiner zusätzlicher Passus im Vertrag, und schon darf der Gläubiger bei Verzug den aktuellen Schuldenstand veröffentlichen (natürlich inkl. Mahngebühren und Verzugszinsen, sieht dramatischer aus). Besonders gut würde sich hierfür die Facebook-Timeline eignen, schließlich kann sich ein “allumfassendes Biografie-Portal” (Zeit Online) ja nicht nur auf die Aktivseite (Mittelverwendung) seiner Mitglieder beschränken. Zudem ließe sich die Zunahme der Schulden im Zeitverlauf dort bestens verfolgen.

Den Schuldnern stünde es natürlich frei, mit den üblichen blöden Ausreden zu antworten: “Ups, habe erst gestern meiner Frau gesagt, dass wird das bezahlen müssen” (Beziehungsstatus: Single). Den meisten dürfte es allerdings so peinlich sein, dass sie ihre Schulden schleunigst begleichen würden. Bei echten Zahlungsschwierigkeiten könnte das soziale Netzwerk gleich mittels Crowdfunding helfen, womit sich auch schnell die Frage beantworten ließe, auf wie viele der “Freunde” man sich wirklich verlassen kann. Die Antwort dürfte enttäuschend ausfallen, aber auch dies wäre wieder eine Chance: zielgerichteter könnte ein soziales Netzwerk Werbung für Sofortkredite kaum einblenden!

Natürlich würde dieses genial schlechte Idee in Deutschland genau so schnell gerichtlich untersagt werden wie der Schwarze Mann 1.0. Eine Zeit lang ließe sich so aber wieder Schwung in die sozialen Netzwerke bringen: Wer bei “dein Freund hat 134 neue Fotos in seinem Album ‘Babyfotos Juli 2012’ veröffentlich” nur noch mit den Augen rollt, würde sich bei einer Mitteilung wie “dein Freund steckt in erheblichen finanziellen Schwierigkeiten” sicher mal wieder einloggen.